Künstler

Esko Männikkö

Wenn die Fotografie ein Bild der Welt wiedergibt, dann gelingt ihr dies nur stückweise. Dies gilt sowohl für den Raum, von dem sie allein einen Ausschnitt zeigt, als auch für die Zeit, von der sie je einen Moment erfasst. Der zeitlichen Begrenzung geht der finnische Fotograf Esko Männikkö, 1959 in Pudasjärvi geboren, in zweifacher Hinsicht entgegen. Erstens widmen sich seine Aufnahmen häufig dem Phänomen der Vergänglichkeit und zweitens wirken seine Porträts und Stillleben wie Momente einer weiterführenden Erzählung.

Mitte der 1990er Jahre fotografierte Männikkö den Alltag der Menschen in seiner nordfinnischen Heimat. Leicht hätten seine dokumentarischen Aufnahmen die Abseitigkeit und Verlorenheit betonen können, die das Leben am Rande der Gesellschaft prägen. Die sorgfältig komponierten Aufnahmen des Autodidakten geben den porträtierten Personen und Orten jedoch einen sicheren Stand in der Welt. Savukoski (1994) zeigt einen Mann, der umgeben von Blockhütten und ausrangierten Gegenständen auf einem Motorschlitten im winterlichen Tannenwald sitzt. Seiner Einsamkeit trotzt er mit der innigen Umarmung seines Hundes. Zudem macht ihn Männikkö zum Dreh- und Angelpunkt seiner Aufnahme, da wichtige Kompositionslinien des Bildes wie etwa die Kufen des Schlittenanhängers auf ihn zulaufen. Eine ähnlich zentrale Position gibt Männikkö dem einsamen Blockhaus bei Kuivaniemi (1994). Für die Aufnahme Sodankylä (1995) wählte er hingegen zwei Fluchtpunkte, die knapp außerhalb des Bildes liegen, so dass die Unordnung des Interieurs von einer übergeordneten Symmetrie gebändigt wird. Die formale Ausgewogenheit von Männikkös Aufnahmen wird von einer erzählerischen Dramatik konterkariert, die durch den Ausdruck der Portraitierten und die Stimmung der Orte und Landschaften entsteht. Hier deuten sich Geschichten und Erlebnisse an, die weit über die fotografierten Momente hinausführen.

Eine erzählerische Ebene bestimmt auch die Aufnahmen der Serie „Flora und Fauna“ von 2005. Hauptmotive dieser teils absurd wirkenden Stillleben sind Tierkadaver, die Männikkö auf Jagdausflügen fand. Taenia Saginata 2/20 und Picea Abis (Head of Pike) zeigen jeweils tote Fische. Der eine liegt auf einer dichten Schneedecke und das Skelett des anderen befindet sich vor einer rostenden Metallwand. Als Nature morte-Darstellungen verweisen sie sehr allgemein auf die Vergänglichkeit des Lebens. Durch die Titel, die lateinisch Rinderbandwurm und Gemeine Fichte bedeuten, bringt Männikkö die Darstellungen in ein zugleich absonderliches und naturverbundenes Assoziationsfeld, das an die Phantasmen nordischer Märchen denken lässt.

Bei seinen jüngsten Fotografien schafft Männikkö wiederum fein komponierte Stilleben, diesmal spielen aufgefundene Möbel, Gegenstände oder Spielzeuge zentrale Rollen. Sylvi (2009) zeigt einen Stuhl in einem halb verfallenen Haus. Seit langem unbenutzt wirkt es, als warte er auf bessere Zeiten. Ebenso hoffnungsvoll zeigt sich die Puppe, die bei Maija (2009) aus einem verwitterten Fensterrahmen winkt. Ihre Hoffnung scheint durch den hell erstrahlenden Hausgiebel bestätigt, der sich im Fenster spiegelt. Die Schatten des hereinbrechenden Abends lassen jedoch ahnen, dass der Hoffnungsschimmer nur von kurzer Dauer sein wird.

Die Unausweichlichkeit von Vergänglichkeit und Verfall wird durch die alten, brüchigen Holzrahmen unterstrichen, in denen Männikkö seine Fotografien präsentiert. Zwar kann er die zeitliche Begrenztheit der fotografischen Aufnahme niemals aufheben, dennoch legen seine Arbeiten Zeugnis vom unvermeidbaren Lauf der Dinge ab.

Esko Männikkö

1959 geb. in Pudasjärvi, Finnland
lebt in Oulu, Finnland

Preise

1995 Würdigung als junger Künstler Finnlands
2008 Deutsche Börse Photography Prize

Einzel- und Gruppenausstellungen u. a. in der Galerie Rodolphe Janssen, Brüssel; der Millesgården Konsthall, Stockholm; der Galerie Nordenhake, Stockholm/Berlin, der Galerie CENT8, Paris; im Oulu Art Museum, Oulu; im Tampere Art Museum, Tampere; im Kiasma, Helsinki; in der Malmö Konsthall, Malmö; im Portikus, Frankfurt am Main und in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, München