Art Competition Epilepsy '99

Epilepsie - neu gesehen


Stefan Heiner
email: stefanh@tin.it

Ein künstlerischer Wettbewerb und seine Ergebnisse

Epilepsie ist eine seit dem Altertum bekannte chronische Erkrankung des Gehirns. Sie weckt in vielen ängstigende Bilder. Darin spiegeln sich Erfahrungen aber auch Fehlurteile.

Neue Sichtweisen

Die Wirklichkeit epileptischer Anfälle und der Epilepsien ist vielfältiger und weit weniger dramatisch als allgemein angenommen. Die revolutionären medizinischen Erfolge des 20. Jahrhunderts haben eine völlig neue Sicht der Krankheit überfällig gemacht. Epilepsien sind heute behandelbar. Die meisten behandelten Patienten werden symptomfrei. Mit dem Verschwinden der Anfälle wird Epilepsie "unsichtbar". Der Öffentlichkeit aber stehen noch immer Schreckbilder vor Augen. Moderner Epilepsieinformation gelingt es nur unzureichend, sie durch neue, realistische Bilder zu ersetzen.

Ziel von "Art Competition Epilepsy '99" war es, Sichtweisen und Zeichen für die gewandelte Realität der Epilepsien zu finden. Dies wurde auf vielfältige Weise beispielhaft erreicht. Die prämierten Einsendungen schlagen zumeist leise Töne an. Der Blick ist nicht mehr auf spektakuläre Anfallsverläufe sondern auf das innere Erleben gerichtet. Die gängigen Symbole und Signale - EEG-Diagramme, Hirnschnitte, Blitze, Neuronen - fehlen. Dargestellt werden eher Zustände: Verfremdung, Verlust des Gleichgewichts, Befangenheit, Gefangensein. Interaktion mit der Umwelt rückt in den Vordergrund. Und aus der eigenen Betroffenheit heraus werden Möglichkeiten des Widerstandes formuliert.

Leise Töne

Verhalten, entdramatisierend ist die Arbeit von Christiane Matthäi schon im Titel: "Nur manchmal sind die Schritte anders". Zu sehen ist eine Gruppe beschwingt schreitender Menschen. Der Bildausschnitt erfaßt ausschließlich das Schreiten. Es wird kaum auffallen, so suggerieren auch die zurückhaltenden Farben, wenn hier nicht jedem jeder Schritt gelingt.

Grund dafür könnte eine momentane Störung des bioelektrischen Gleichgewichts im Gehirn sein, deren Ausdruck womöglich ein epileptischer Anfall ist. Im Verband der Schreitenden geht er unter. Kein Grund, auszuschließen, Ängste zu mobilisieren, Scham zu empfinden. Der Fall wird unter solchen Umständen kein Notfall.

Diese elementare und doch gern überhörte Botschaft ist eigentliche allen Beiträgen zum Wettbewerb zu entnehmen. Auch werden mehr Fragen aufgeworfen, als scheinbar unumstößliche Erkenntnisse vermittelt. Vermutlich zahlt sich hier aus, daß "Art Competition Epilepsy '99" sich an einen Personenkreis wandte, für den Epilepsie eine fragwürdige, gestaltbare Realität ist, nicht Alltag, Betroffenheit und Betreuung. Neue Perspektiven ergeben sich auch dann, wenn Außenstehende stärker in die Produktion von Epilepsieinformation einbezogen werden.

Anfallsverläufe

Maria Anna Gräbers Arbeit schildert realistisch den Ablauf einer beispielhaft undramatischen Anfallsform. Im Zentrum ihres auffälligen aber nicht alarmierend rot gehaltenen Bildes stehen Fotogramme einer jungen Frau, die sich auf den Beschauer zu bewegt. Der Film ist an einer Stelle "gerissen". Der "Filmriß" ist durch das Wort "epilepsy" markiert. Der Beschauer mag selbst entscheiden, ob diese Absence, wie ein solcher "Filmriß" oder "Blackout" medizinisch genannt wird, sich im Bewußtsein des Betrachters oder in dem der Dargestellten ereignet.

Die wechselnde Perspektive, die undefinierte Betroffenheit macht nachdenklich. Kann nicht im Grunde von jedem ausgehen, was er vom Anderen befürchtet? Auch Christiane Matthäi's und Ziba Vesali's Fotos lassen den Beschauer selbst entscheiden, ob diese dem Blick eines vom Anfall Betroffenen entspringen oder ob sie deren Fremdwerden im Blick Anderer nachspüren. Traumzustände lassen sich in den schattenhaften schwarzweiß Fotos ebenso vermuten wie in den Farbbildern, die zu kreisen scheinen. Zusammenhänge zu erkennen zwischen Traum (dreamy state), Schlaf und Anfall sind dem öffentlichen Bewußtsein verwehrt, fixiert wie es ist auf den schlimmst möglichen Fall, den "Großen Krampfanfall". Zwar immer auffällig und unübersehbar repräsentiert er statistisch jedoch keineswegs die Epilepsien mit ihren vielfältigen Anfallsformen.

Bilder des Verschwimmens, Kreisens, Verzerrtseins lenken die Aufmerksamkeit des Beschauers von den so gern und so unverhältnismäßig beschworenen Anfallsfolgen fort auf Bewußtseinszustände. Statt vorgefertigter Urteil darüber drängen sich Fragen nach dem auf, was vorgefallen ist. Angst entsteht oft aus nicht befragter und erfahrener Realität. Die beste Aufklärung über Epilepsie bleibt die Bekanntschaft mit Menschen, die an ihre erkrankt sind.

Interaktion

Fallen und Fangen klingt als Thema in Susanne Bodvay's Arbeit an. Die Botschaft der manchmal anders verlaufenden Schritte ist hier ganz ins Positive gekehrt. Fallen wird farblich und sichtbar leicht genommen als Teilnahme am Spiel des Fangens, das ja anders nicht in Gang kommt. Betroffene werden ihre alltäglichen Erfahrung womöglich anders werten. Aber neue Sichtweisen sind auch geeignet, an die Realität zu appellieren, sich zu erneuern.

Einen solchen enthält recht betrachtet Friederike Rave's Bild, das in seiner höchst prekären Konstellation zu entziffern ist. Eine Person hält mit Mühe - erfolglos voraussichtlich - ihr Gleichgewicht. Zerbrechliches, Störanfälliges - Glas und Tanz - sind in äußerster Gefahr. Erschwerend - oder gar verursachend ?- weht dem rückwärts Strauchelnden ein heftiger Wind entgegen. Den scheint eine nur schattenhaft anwesende, feindliche Umwelt zu erzeugen. Hielte sie doch nur den Atem an. Stattdessen trägt sie schadenfroh bei zum Mißlingen.

Christophe Carbenay's Radierung thematisiert einen solchen Zustand der "Verwicklung - Entwicklung". Figuren lösen sich in Wirbel und Flucht auf. Oder handelt es sich um verschiedene Zustände einer Person, deren Umrisse deutlich wahrzunehmen, dem Beschauer verwehrt ist? Wer beobachtet hier? Wer entzieht sich der klaren Beobachtung? Ist es die gleiche Person? Ist die Störung der Beziehungen durch Verwicklungen eingetreten? Sucht sie jemand wieder herzustellen und damit Entwicklung dennoch zu ermöglichen?

Norbert Hayos Fotocollage und Fotomanipulation schlägt keinen fragenden sondern einen aufrüttelnden Ton an. Seine Figur bleibt in ihrer Plastikhaut gefangen, dem Zuschauer und Hinzukommenden unzugänglich. Jeder Hilfe beraubt, ist sie doch neugierigen Blicken schutzlos ausgesetzt. Das Auftauchen aus Anfällen, die zur völligen Bewußtlosigkeit führen, beschreiben Betroffene zuweilen als schmerzlich und peinlich - nicht zuletzt angesichts der über sie gebeugten Gesichter. Hayo's Gestaltung erweitert diesen spezifischen Eindruck des Gefangenseins auf alle denkbaren Zustände der Isolation. Epilepsie ist nur noch eine der möglichen Schicksale, auf das diese Darstellung zutreffen kann.

Widerstand

Besondere Erwähnung verdient der Beitrag des 14jährigen Grigori Zurkan aus Berlin. Er hielt sich im Kreis der "Profis" so wacker, daß ihm die Jury einen Sonderpreis zuerkannte. Sein "Comic" gibt offensichtlich eigene Erfahrungen wieder. Von seinem Therapeuten angeleitet setzt sich Grigori energisch und erfolgreich gegen ein scheinbar übermächtiges Ungeheuer, den Anfall, zur Wehr.

Dieser Kraftakt hat einen durchaus realistischen medizinischen Hintergrund. Gilt doch die verhaltenstherapeutische Strategie der Anfallsunterbrechung als eine der vielfältigen Therapien, die von der Verschreibung von Antiepileptika bis zur operativen Behandlung reichen. Im Falle Grigoris hat sich der Widerstand offensichtlich ausgezahlt.

Widerstand leisten ist eine Therapie nicht nur gegen bestimmte Anfälle und Formen der Epilepsie. Die medizinische Situation erlaubt heute in der Mehrzahl der Fälle, den Verlauf der Krankheit mit Optimismus zu betrachten. Könnten sich davon nur alle Beteiligten überzeugen! Das Bild der Epilepsie in der Öffentlichkeit würde ganz andere Umrisse annehmen und an Dramatik verlieren. Widerstand gegen die Monster und Schreckbilder zu leisten, sie von sich zu weisen und in der Öffentlichkeit zu entlarven, das ist eine noch zu leistende Auseinandersetzung aller mit der Epilepsie.


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